29.04.2021

Das Leben auf dem Wartegleis – „Die Generation-Corona“

Nun leben wir schon seit über einem Jahr auf dem „Wartegleis“, der durch die Corona-Pandemie und damit resultierenden Einschränkungen, Schließungen, sozialen und physischen Distanz, bestimmt und reguliert wird. In den sozialen Netzwerken taucht vermehrt der neu kreierte Begriff „Generation-Corona“. Gemeint ist die junge Generation, die von dem andauernden Ausnahmezustand am stärksten betroffen ist.

 

Die Corona-Pandemie ist eine stark herausfordernde Situation für alle Kinder, Jugendlichen und Familien. Auf der einen Seite ist dies eine Zeit mit extremer Unsicherheit und Zukunftsängsten. Kinder stellen sich Fragen wie „Wann kann ich wieder in die Schule?“, „Wann sehe ich meine Freunde wieder?“, „Schaffe ich meine Klassenarbeiten und meine Versetzung?“. Insgesamt hat dies zu einer hohen Belastung in den Familien geführt. Dazu kommt der Verlust von sozialen Kontakten in der Schule. Sozialer Austausch und Gleichaltrige sind besonders für die soziale Entwicklung von Kindern unerlässlich. Zudem berichten viele Familien auch von innerfamiliären Spannungen durch die Unvereinbarkeit von elterlichem Homeoffice und beruflichem Stress zusammen mit der Anforderung, Kinder zu Hause zu unterrichten. Viele Familien und Kinder sind in dieser Zeit an ihre psychische Belastungsgrenze gekommen und tief erschöpft.

 

Die ersten Studienergebnisse

 

Wenn wir uns die Junge Generation, mit den unterschiedlichen Übergangsphasen der Entwicklung und ihren Bedürfnissen anschauen und uns vergegenwärtigen, was es bedeutet diese Bedürfnisse einzuschränken und in einen unüberschaubaren Ausnahmezustand zu versetzen, dann wird schnell klar, dass hier eine ungesunde und vielleicht auch gefährliche Stufe, vor allem in der adoleszenten Phase der jungen Menschen erreicht wurde.

 

Die ersten empirischen Studien, die zwischen Juni und Dezember 2020 vorgelegt wurden, zeigten die ersten negativen Folgen der sozialen Distanz, Schul- und Freizeiteinschränkung und der zunehmenden Angst und Verunsicherung in der Gesellschaft auf.

 

  • In der JuCo-Studie des Forschungsverbundes „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“ heißt es zusammenfassend: „Es zeigt sich, dass trotz guter sozialer Beziehungen und Kontakte die persönliche Situation von jungen Menschen oftmals mit Einsamkeitsgefühlen, Verunsicherung und Überforderung einhergeht
  • Nach der im Juli vorgestellten Studie der DAK-Gesundheit haben in der Phase des ersten Lockdowns die Zeiten für Online-Spiele und Aktivitäten in Social Media zugenommen: Im Vergleich zum Herbst 2019 nahmen die Spielzeiten bei Kindern und Jugendlichen werktags um 75 Prozent zu. Die mit Computerspielen verbrachten Zeiten stiegen von September 2019 bis Mai 2020 werktags von 79 auf 139 Minuten, am Wochenende auf 193 Minuten pro Tag; die Social-Media-Zeiten stiegen von 116 auf 193 Minuten. Als Motiv wurden angegeben: Langeweile bekämpfen, soziale Kontakte aufbauen, Stress abbauen und der Realität entfliehen.
  • Der im Juli vorgelegten „COPSY“-Studie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) zufolge fühlten sich mehr als 70 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen durch die Coronapandemie psychisch belastet; Stress, Angst und Depressionen haben zugenommen.
  • Die Anfang August veröffentlichte Studie des ifo-Instituteszeigt in ihrer Elternbefragung eine deutlich geringere Lernzeit der Schüler/-innen während des Lockdowns: vor Corona waren es pro Tag 7,4 Stunden, in der Coronazeit 3,6 Stunden.

 

 

Jugendliche brauchen Entfaltungsfreiraum

 

Die Entwicklung der jungen Menschen ist mit adoleszenten Dynamiken verbunden, die in schulischen Zusammenhängen und Beziehungen, aber auch in Freundschaften und im gemeinsamen Lernen und Treffen nach der Schule gelebt werden. In der Freizeit sind es die vielfältigen Gemeinschaftsformen, wie zum Beispiel: Teenie und-Jugendgruppen, die außerschulischen Bildungsangebote, der Sport- und Bewegungsbetrieb, die Musikvereine und das „Abhängen“ in den Cliquen. Diese sozialen Interaktionen sind sehr wichtig für die Entwicklungs- und Reifungsprozesse der jungen Menschen und letztlich auch notwendig für die Herausbildung einer stabilen Identität. Wir müssen uns klar machen, dass besonders im Kindesalter versäumte Entwicklungsschritte nicht oder nur schlecht nachgeholt werden können.  Daher brauchen Jugendliche neben Erwachsenen immer auch Gleichaltrige

 

  • mit denen sie zusammen lernen, studieren, organisieren und ihren Interessen und kommunikativen Bedürfnissen nachgehen können;
  • mit denen sie ihre Lebensthemen kommunizieren können;
  • mit denen sie in vielfältigen Formen der Kommunikation und Interaktion – u. a. im Spiel, im Sport, in der Leistungsmessung und im Wettbewerb zusammen sind;
  • mit ihren Kulturen, ihren Orten und Zeiten – in denen sie sich erproben, anerkennen, selbst bestätigen und realisieren, sowie messen und spiegeln können;
  • mit denen sie streiten können und lernen, die Jugendzeit gemeinsam sinnvoll (für sich, mit anderen) zu verbringen.

 

Fazit

 

Die Körperkommunikation und das gemeinsame Erleben sind verbunden mit physischer Nähe und Formen des körperlichen Kontakts. Die intime Verbundenheit und das vertraute Untersich- und Zusammensein ist von großer Bedeutung. In den unterschiedlichen jugendlichen Lebenswelten wird etwas unternommen und experimentiert, man lebt Rituale, zeigt seine Körperlichkeit, misst Kräfte und testet Grenzen aus. Damit die soziale Entwicklung und die Suche nach der eigenen Identität der Jugendlichen gelingen kann, muss die Jugendzeit mit all ihren Spannungen und Suchprozessen gelebt werden.

 

Die Eltern können überlegen, wie sie ihre Kinder noch besser in dieser Situation unterstützen uns bestärken können.

 

  • Wie kriegen wir eine gute Tagesstruktur mit einem regelmäßigen Ablauf von Lern- und Freizeit hin?
  • Wie begrenze ich Medienzeiten?
  • Wo kann ich für mein Kind bei Problemen ein offenes Ohr haben?
  • Wie ermögliche ich trotz Kontaktbeschränkungen soziale Kontakte zu anderen Kindern?

 

Die junge Generation, die momentan als „die Verlierer“ der Corona-Pandemie gelten, möchte ich anspornen, mutig und experimentierfreudig zu sein. Das Geheimnis für Glücklichsein liegt darin, nach den schönen Dingen die Freude und Spaß machen zu schauen (zum Bsp. Gemeinsame Radtouren, Online-Kino, Outdoor-Spiele, Wandern, gemeinsam Kochen/Backen, Geocaching, Eis essen, lesen, Freeletics, neue Hobbys entdecken…) und dann diese Dinge öfters und (wenn möglich) miteinander zu unternehmen.

 

JUST DO IT